Sonntag, 13. November 2016

Der Teufelspakt mit dem Ego - die wahre Interpretation von Goethes Faust

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Die berühmte Tragödie von Goethe wurde oft interpretiert, aber viele gehen dabei tatsächlich dem Teufel auf den Leim, wie ich zeigen werde! Aber langsam: Natürlich ist es die Geschichte vom Menschen, der sich völlig dem Ego (Mephisto) verschreibt, das zwar ständig Wissen sammelt, und dabei doch nie Glück findet. Der Wissenschaftler Dr. Faust ist trotz aller Studien "so klug als wie zuvor" - was die Welt jenseits des Faktenwissens „im Innersten zusammenhält“ bleibt ihm unbekannt. Im Zentrum der Geschichte steht der Pakt zwischen Mephisto und dem frustrierten, depressiven Faust, der das größte Problem des menschlichen Seins charakterisiert: Faust verpflichtet sich zu endlosem Streben.

Mephisto repräsentiert das menschliche Ego (Faust: "Der Teufel ist ein Egoist"), und den menschlichen Verstand, dessen Nützlichkeit Mephisto hier bewirbt: "So will ich mich gern bequemen, dein zu sein auf der Stelle. Ich bin dein Diener, bin dein Knecht!" Der Verstand ist ein Werkzeug, das wir als Menschen zwar brauchen, er wird aber dann zu einem Problem, wenn wir uns völlig in ihm verlieren. Diese verhängnisvolle Verbindung bietet Mephisto/Ego hier an: "Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden, auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn". Diese typische Rastlosigkeit unseres Verstandes verdammt uns zu Unzufriedenheit und ständigem Streben:
Faust beim Pakt: "Nur keine Furcht, daß ich dies Bündnis breche! Das Streben meiner ganzen Kraft ist grade das, was ich verspreche."
Und Mephisto drängt: "Verbinde dich! Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn." - ein falsches Versprechen das an die Schlange im Paradies erinnert.

Jetzt sind wir also völlig mit dem Verstand identifiziert, und dieser versucht stets, das Glück in der Zukunft zu finden, ist aber unfähig, es dort zu erkennen, wo es nur sein kann: im jetzigen Moment. Und so geht der Kontakt zur Seele verloren - das ist der Verkauf der Seele. Genauso wie beim Fall von Eden, auf den im Stück oft hingewiesen wird, wird hier also beschrieben, wie die tieferen Bewusstseinsschichten durch das Verstandesego verdeckt werden.

Das "Teufelchen in unserem Kopf" redet uns ein, dass der jetzige Moment und wir selbst nie gut genug sind, und anstatt auch nur einmal innezuhalten, bekommen wir sogar ein schlechtes Gewissen, weil wir dann als faul gelten könnten - Faust beim Pakt: "Werd ich beruhigt mich je auf ein Faulbett legen, so sei es gleich um mich getan. Diese Wette biet ich an!". Und natürlich die berühmte Stelle:  "Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, Du bist so schön, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn."

Genau das ist der verhängnisvolle Irrglaube des Verstandes, und so hetzen wir durch das Leben als wäre der Teufel hinter uns her...  als würde der "Teufel uns holen", wenn wir uns mit dem zufrieden geben WAS IST.

Was die Religionen darüber sagen

Die Rückkehr in die Ruhe des Jetzt, das Wiederfinden unseres wahren Bewusstseins jenseits der Gedanken, ist Ziel von Meditation, und zentrales Thema der Religionen. Folgenden Ausspruch bezeichnete Eckhart Tolle als den vielleicht tiefgehendsten der ganzen Bibel: "Sei still, und erkenne: Ich bin Gott". In manchen englischen Übersetzungen heisst der Satz tatsächlich so:
"Beende dein Streben, und erkenne: Ich Gott bin"
("Stop your striving and recognize that I am God!")
- Psalm 46:10
Seht im Video, wie Eckhart Tolle diese Stelle erläutert!
video
Das "Göttliche" eröffnet sich also dem Menschen in der (psychologischen) Stille, die gleichbedeutend ist mit dem Beenden des Strebens, hinter dem sich eigentlich eine Flucht vor dem Jetzt verbirgt, und somit eine Flucht vor dem Leben. Das Gegenteil ist Meditation: völlige Öffnung gegenüber dem Jetzt wie es ist.

Das Beenden des Strebens ist aber auch einer der Grundpfeiler des Buddhismus, der auf den "Vier Noblen Wahrheiten" gründet, von denen die dritte die "Wahrheit des Zieles" genannt wird - das Nicht-Streben! Dadurch wird Nirvana - in christlicher Terminologie: Erlösung - erreicht.

Und der große Philosoph und Mystiker J. Krishnamurti beschreibt das Thema so:
Wir glauben, dass wenn wir nicht endlos suchen, streben, uns abmühen, nach etwas greifen, wir dann zugrunde gehen. Aber ein Verstand der nicht mehr gefangen ist in diesem Glauben und Suchen ist enorm lebendig. Wahrheit ist etwas das nur im Moment existiert, so wie Schönheit und Tugend, es hat keine Kontinuität, es ist kein Produkt der Zeit. Zeit ist Gedanke, und Gedanke ist Leid.
- 5th public talk, Paris 30th april 1967 (Q)
Genau in dieses Leid der Zeit, welche ein Konstrukt des Verstandes ist, haben wir uns beim "Fall von Eden" hineinbegeben, und analog beschliessen Faust und Mephisto/Ego ihren Pakt:
"Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, in’s Rollen der Begebenheit! Da mag denn Schmerz und Genuß, Gelingen und Verdruß, miteinander wechseln wie es kann; Nur rastlos bethätigt sich der Mann." 
Hier wird neben der Rastlosigkeit und der Zeit auch die Dualität angesprochen, also die Eigenschaft unseres Verstandes, Realität nur anhand von gegensätzlichen Urteilen erfassen zu können, was beim "Fall" als "Erkenntnis von Gut und Schlecht" beschrieben wird. Und der suizidale Faust klagt somit über den Verlust der Seele und das Herausfallen des Menschen aus der natürlichen Ordnung: "Der große Geist hat mich verschmäht, vor mir verschließt sich die Natur."

Wenn wir hingegen den Moment in seiner Ganzheit, nicht-dual, annehmen wie er ist, wie in der Meditation, ohne ständig vor ihm "davonzustreben", lösen sich die Konstrukte von Zeit/Raum und Ego auf. Das wird beschrieben wenn Faust zum Mephisto-Ego sagt: "Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! dann bist du deines Dienstes frei, die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, es sei die Zeit für mich vorbei!" Solche "göttlichen" Einheitserfahrungen jenseits von Raum und Zeit passen dem Verstand überhaupt nicht: Mephisto: "Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis. Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit."

Das Ego fürchtet das zeitlose Jetzt, denn es kann ohne unser Konzept von Zeit gar nicht existieren. Es besteht aus der Vergangenheit und strebt in die Zukunft, löst sich aber in der Gegenwart auf.

Die Erlösung von Faust:

Nach einem Leben mit langem Sündenregister erreicht Faust kurz vor seinem Tod endlich doch einen Zustand in dem er die berühmten Worte sagt: „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!"

Und bekommt deshalb Mephisto seine Seele? Natürlich nicht! Der Pakt war ein Bluff. Gerade dadurch, dass Faust seine Wette einhalten wollte, hat der Teufel längst erreicht was er wollte, nämlich dass Faust sich sein Leben lang diese Zufriedenheit verwehrte. Jetzt durchschaut Faust den Betrug und erkennt, dass dieser Zustand nicht der Untergang, sondern die Erlösung ist, und die Engel erscheinen nun mit dem Schlüsselsatz:
"Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen."
Heisst das, dass man sich erst durch ständiges Streben die Gunst der Engel erwirbt? Nein! Es ist eher wie in der Werbung: "Wer ständig Sodbrennen hat, dem können wir helfen." Das heißt nicht, dass Sodbrennen (oder endloses Streben) etwas Wünschenswertes wäre! Es bedeutet vielmehr, dass der Verstand sich nicht aus sich selbst befreien kann, sondern Erlösung nur durch die Hingabe an "höhere Mächte" - unsere tieferen Bewusstseinsschichten! - geschehen kann.

Und Mephisto geht jetzt leer aus und klagt: „Die hohe Seele, die sich mir verpfändet, die haben sie mir pfiffig weggepascht“ Faust ist dem Teufel nicht etwa entkommen, obwohl er die Zufriedenheit im Moment gefunden hat, sondern gerade deswegen.

Es wäre ziemlich dumm, nach erfolglosem Streben am Totenbett zu sagen: "Wenigstens habe ich die Wette mit dem Teufel gewonnen, und habe es geschafft, nie mit dem Moment zufrieden zu sein. Dem habe ichs gezeigt!" Nein, dann wurde man ausgetrickst! Und das trifft auf überraschend viele Interpretationen im Internet zu, inklusive Wikipedia, in denen Menschen wirklich glauben, das Streben wäre die Lösung. Ich glaube das ist die Genialität des Stückes, das so vielschichtig und doppeldeutig ist, dass sogar die Leser selbst dem Teufel auf den Leim gehen. Dabei macht es Goethe selbst völlig klar, wenn er sagt: "Es irrt der Mensch, solang' er strebt."